Heiligenhaus. „We are the world, we are the children, we are the ones who make a brighter day. . .” Hunderte Arme gehen in die Höhe, wiegen sich im Takt. Auf der Bühne, den Bänken, überall auf dem Rathausplatz. „Day of Song” – so klingt die Kulturhauptstadt, so klingt Heiligenhaus.
Ein wirklich ehrgeiziges Projekt von Ruhr 2010: Rund 26 000 Sängerinnen und Sänger in 53 Städten sollen gemeinsam mit der Bevölkerung zu einem festgesetzten Zeitpunkt ihre Stimmen erheben. Und alle warten denn auch in Heiligenhaus am Samstag vor der großen Stadtfest-Bühne auf dem Rathausplatz gespannt auf den Gong. Er soll um 12.10 Uhr aus dem Radio erschallen. Doch ausgerechnet der WDR verpasst den Einsatz.
„Unglücklich bin ich über die Panne nicht. Das war eher ein Schub für uns”, wird der Dirigent, Professor David de Villiers, später sagen. Denn nur vier Minuten vergehen, da hat das Organisationsteam vor der Bühne beschlossen: Heiligenhaus fängt einfach an – mit dem „Steigerlied”. Und während der nächsten knappen Stunde gewinnen die Menschen mit ihren Textblättern in den Händen nicht nur mehr Sicherheit beim Vortrag, sie werden lauter, juchzen und trällern bei einigen Passagen, ja sind einfach fröhlich.~
Keine Probleme bei Grönemeyer-Song
Dabei erweist sich Grönemeyers Hymne „Komm zur Ruhr” gar nicht mal als die befürchtete Klippe. Singing People und Belkantonisten übernehmen den Hauptpart – der Refrain geht dem Publikum dann erstaunlich leicht über die Lippen. Gassenhauer wie „Hoch auf dem gelben Wagen” oder „My bonnie is over the ocean” und „Pack die Badehose ein” folgen. Bei „Mein kleiner grüner Kaktus” sieht man einen wunderbar gelösten Dirigenten, der den stechenden Kaktus imitiert.
Und auch die große Aufgabe, an die tausend Menschen „Frère Jacques” im Kanon singen zu lassen, meistert de Villiers mit Leichtigkeit. „Der Kanon hat mir sogar am besten gefallen, weil es etwas schwieriger war”, erklärt Ronny Rauxloh ohne zu zögern. Der 42-Jährige ist mit der ganzen Familie zum Day of Song-Ereignis gekommen. „Ich fand ‘We are the World’ am schönsten, das war sehr emotional”, ergänzt Susanne Herning. Nach so viel stimmlichem Engagement braucht sie allerdings erst mal eine Erfrischung, bevor es weiter zur Trödelmeile geht.
Und wie war’s für die Profis auf der Bühne? „Fantastisch!” Peter Ihle (MGV Frohsinn) ist mehr als zufrieden. „Es lief super. Gemeinsam haben wir das ja vorher gar nicht geübt, nur jeder Chor für sich.” Auch der Organisation des Kulturbüros spricht Ihle ein Lob aus: „Das war alles sehr gut vorbereitet.”
Dirigent David de Villiers, dem man die Anstrengung kaum anmerkt, sagt: „Ausgezeichnet. Die Leute waren so emotional. Alle kannten die Lieder, das hat richtig Spaß gemacht.” Er kann sich sogar vorstellen, dass man jedes Jahr einen solchen Day of Song am Ort veranstaltet. „Und im Laufe der Jahre könnte das eine schöne kleine Tradition werden. Das Potenzial ist jedenfalls da!”
Sirenenalarm überraschte Sänger
Für die Statistik: Insgesamt standen 300 kleine und große Sänger auf der Bühne, die 13 Lieder vortrugen. Das waren Frauenchor Musica ‘76, die Männergesangvereine Concordia, Frohsinn und Heimatklänge, die Belkantonisten, der Chor der International School Heiligenhaus, die Gospelformation Singing People, der Evangelische Kirchenchor, der Pfarr-Cäcilienchor und der Heiligenhauser Kinderchor. Zuvor hatten die Chöre und Gruppen in sozialen Einrichtungen gesungen, nach dem gemeinsamen Aufritt absolvierten einige noch Kirchenkonzerte. Nachmittags geht es dann nach Schalke zum Abschlusskonzert.
Eine Notiz am Rande: Nicht aus der Ruhe bringen ließ sich Dirigent de Villiers, als um 12.30 Uhr Sirenenalarm ertönte. An den jeweils am ersten Samstag im Monat stattfindenden Probealarm hatte keiner gedacht. Selbst die Feuerwehrleute, die am Stand auf dem Stadtfest ihren Dienst versehen bzw. in dem Augenblick sogar mitsangen, waren ob des heulenden Tons mehr als überrascht.
|