Aktuelle Mitteilungen und Schülerzeitung

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Internationale Schuile Heiligenhaus

Planungswerkstatt zur Hauptstraße
Interview mit Prof. Kunibert Wachten

Mehr Platz für alle

Prof. Kunibert Wachten,
hier bei den Werktstattgesprächen
in Heiligenhaus, ist Inhaber des
Lehrstuhls und Instituts für Städtebau
und Landesplanung
an der RWTH Aachen.

Herr Prof. Wachten, Sie haben Heiligenhaus in den vergangenen Jahren schon bei einigen Planungsprozessen begleitet.

Prof. Wachten: Das ist richtig. Erstmals war ich im Jahre 2004 mit Studierenden aus Aachen vor Ort, um im Rahmen einer „Studentischen Planungswerkstatt“
kreative Ideen für die Gestaltung der Stadt zusammenzutragen. Anschließend haben wir mit dem Institut für Städtebau und Landesplanung die Planungsprozesse für die künftige Bebauung des Kiekert-Areals und den
ehemaligen Standort des „Hauses der Kirche“ begleitet.
Außerdem haben wir das Innenstadtkonzept erarbeitet, das auf über 70 Seiten „Perspektiven für die Heiligenhauser Stadtentwicklung“ aufzeigt.

Was war das Ergebnis dieser Planung mit Blick auf die
Hauptstraße?

Prof. Wachten: Im Innenstadtkonzept ist angedacht, die Hauptstraße von zwei Fahrspuren auf eine Fahrspur zurück zu bauen. Der Platz der wegfallenden
Spur soll genutzt werden, um denjenigen mehr Raum zu geben, die bislang kaum berücksichtigt wurden: Einzelhändler mit ihren Geschäftsauslagen, Außengastronomie, Radfahrer, Fußgänger und zum Beispiel auch solche Menschen, die sich vielleicht einfach nur einmal in Ruhe in der Innenstadt auf eine Bank setzen und dem Treiben um sie herum zusehen möchten.


Viel diskutiert war damals die Frage, ob für Heiligenhaus eine solche Verkehrsberuhigung oder eine klassische Fußgängerzone vorzugswürdig sei ....


Prof. Wachten: Vielen Menschen schwebt allgemein als Idealzustand einer Innenstadt die Fußgängerzone vor. Allerdings haben viele kleinere und mittlere Städte mittlerweile die bittere Erfahrung gemacht, dass sie für eine Fußgängerzone einfach nicht genug Frequenz in der Innenstadt haben. Viele Fußgängerzonen sind wieder für einen begrenzten Verkehrsfluss geöffnet worden, weil sie den größten Teil der Zeit leer und trist aussahen. Dort bewegten sich einfach zu wenig. Was wir tagsüber in der Düsseldorfer oder Kölner Innenstadt an wunderbarer Vitalität erleben,
kann mit sehr viel weniger Menschen auf der Straße schnell ins Gegenteil umschlagen. Und es gibt sehr gute Beispiele dosiert befahrbarer Einkaufslagen, Brügge in Belgien beispielsweise.

Und in Heiligenhaus?

Prof. Wachten: Die Stadt sperrt seit einigen Jahren anlässlich des Stadtfestes die Hauptstraße. Die autofreie Innenstadt wurde seitdem von allen zu Recht als ein fantastisches Erlebnis empfunden. Doch ist das Stadtfest nicht der Alltag. An normalen Tagen wäre die Fußgängerfrequenz, die sich heute zu Recht über zu enge Bürgersteige beschwert, nicht ausreichend, um die ganze Breite der Hauptstraße angemessen auszufüllen.

Was unterscheidet die Gedanken aus dem Innenstadtkonzept Heiligenhaus von einer Fußgängerzone?


Prof. Wachten: In einer echten Fußgängerzone darf ja eigentlich noch nicht einmal Fahrrad gefahren werden. Im Heiligenhauser Innenstadtkonzept ist eine Mischnutzung durch alle Beteiligten vorgesehen. Fußgänger, Radfahrer,
Busse und eine deutlich zurückgegangene Zahl an Pkw sollen sich den Raum der Hauptstraße möglichst gleichberechtigt teilen. Dies garantiert zum Beispiel auch, dass man als Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs nicht irgendwo, sondern an einer Haltestelle mitten in der Innenstadt aus dem Bus aussteigen kann.




Beispiel für die mögliche Neuaufteilung desStraßenraumes
der Hauptstraße im Bereich des Sorgfaltsraumes.


Hauptstraße um 1966


Bebauung an der Hauptstraße vom ehemaligen Sparkassengebäude Hauptstr. 160 (rechts vorne) in Richtung Osten, Foto: 1954


Blick auf den nördlichen Teilbereich der
Hauptstraße mit den Gebäuden Hauptstraße 181/183. Foto: ca. 1965/66



Der Einbahnstraßenverkehr auf der
Hauptstraße wurde im Mai 1953
eingeführt.Hier ein Eindruck vom Verkehrsaufkommen in der Ortsmitte in Höhe des Rathausplatzes mi
tBlickrichtung Westen.
Foto: Ende 1960


Heiligenhaus und der Straßenverkehr

„Ein Dorf so lang wie eine Hosennaht.“ So sprach man früher von Heiligenhaus. Aus gutem Grund: Die Stadt entstand historisch als schmales Straßendorf entlang eines Weges bzw. einer Landwehr, also einer Art Verteidigungswall des Bergischen Herzogtums. Ihr Verlauf deckt sich dementsprechend annähernd mit der heutigen Hauptstraße. Etwa auf Höhe des Kirchplatzes stand früher neben dem Weg eine kleine Kapelle, ein „Heiliges Häuschen“, das schließlich namensgebend für „Heiligenhaus“ als der darum entstandenen Häuseransammlung war.

Auf der schmalen Straße muss sich seit eh und je alles von Ost nach West und umgekehrt bewegen: Fußgänger, Fuhrwerke, Radfahrer, Kraftfahrzeuge, historisch auch einmal eine Kleinbahn Richtung Hösel und eine Straßenbahn nach Velbert. Bis heute gibt es kaum eine durchgehende, alternative Wegstrecke durch die Stadt. Immer wieder sah man sich zudem gezwungen, die Straßenverbindung den steigenden Verkehrszahlen anzupassen, und orientierte sich dabei – dem Zeitgeist gemäß – vorwiegend an den Bedürfnissen des Autoverkehrs: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trieb man den Bau des heutigen Südrings als Parallele zur Hauptstraße voran. Auf der Hauptstraße wurden alte Häuser zur Begradigung und Verbreiterung der Fahrbahn abgerissen. Im Mai 1953 wurde schließlich das Einbahnstraßensystem Hauptstraße/Südring eingeführt, das bis heute das Heiligenhauser Stadtbild prägt
.

Auf der Hauptstraße verkehren aktuell täglich über 20.000 Fahrzeuge, die mit Lärm, Abgasen und den allgemeinen Gefahren des Straßenverkehrs der Innenstadt jegliche Qualität zum Bummeln, Einkaufen und Verweilen nehmen. Daher baut die Stadt Heiligenhaus seit 2003 an einer Entflechtungsstraße (jetzt benannt als „Westfalenstraße“), die parallel zur Hauptstraße verläuft und den störenden Durchgangsverkehr aufnehmen soll. Die letzten beiden Abschnitte (Gohrstraße im Westen und Industriestraße im Osten) sind im Bau und werden im Spätherbst fertig gestellt sein.

Der Verkehr auf der Hauptstraße wird mit der Freigabe der Entflechtungsstraße schlagartig um rund 50% abnehmen – ein für Heiligenhaus völlig ungewohnter Zustand. Die Hauptstraße wird plötzlich im positiven Sinne leerer, ruhiger und beschaulicher sein, baulich aber zunächst weiterhin den Eindruck einer zweispurigen Bundesstraße vermitteln. Dies stellt natürlich noch keine wahre Innenstadtqualität dar.

Daher hat die Stadt Heiligenhaus schon in den Jahren 2005 und 2006 mit Unterstützung von Prof. Kunibert Wachten und des Instituts für Städtebau und Landesplanung (ISL) an der RWTH Aachen ein umfassendes Innenstadtkonzept erstellt, um sich planerisch auf die Zukunft vorzubereiten. Dabei wurden die Bürgerinnen und Bürger sowie viele Fachvertreter von Einzelhandel, Wirtschaft und Anliegern durch Planungswerkstätten einbezogen. Nach den Diskussionsergebnissen soll die Hauptstraße nicht zu einer Fußgängerzone umgebaut werden, sondern von Radfahrern, Bussen und einer gewissen Zahl von Pkw – auf dann nur noch einer Fahrspur – durchfahren werden können – nicht zuletzt um durch mehr Parkplätze als heute kurze Wege von den
Geschäften zum Kofferraum zu ermöglichen. Für eine völlige Sperrung der Hauptstraße wäre das verbleibende Straßensystem mit Entflechtungsstraße und Südring in der jetzigen Form auch nicht leistungsfähig genug. Weitere Umbauten des Südrings wären unumgänglich.

Der Umbau der Hauptstraße ist keine ferne Zukunft mehr, sondern wird 2011 erfolgen. Zu klären bleibt nun einzig, wie genau die einzelnen Bereiche der Hauptstraße künftig aussehen sollen. Dies soll in den nächsten Wochen und Monaten im Rahmen einer öffentlichen Planungswerkstatt unter Beteiligung aller interessierten Bürgerinnen und Bürger festgelegt werden. Die Federführung liegt beim Büro BSV Baier aus Aachen.


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